Unsere Einsatzstelle im Vergleich zu anderen

14Juli2018

Als wir im Oktober unsere Reise ins Abenteuer Tansania starteten, waren wir ca. 30 Jugendliche die für 10 Monate im ganzen Land in verschiedenen Einsatzstellen ihr neues zu Hause finden würden. Das sind zum einen Waisenheime, Krankenhäuser, Kindergärten, Einrichtungen für Kinder mit Behinderung, Grundschulen und weiterführende Schulen. Für jeden sollten diese 10 Monate also etwas ganz Besonderes und auch völlig anderes werden. Und selbst bei den Freiwilligen die beispielsweise in einem Kindergarten arbeiten, gibt es gravierende Unterschiede. Da gibt es Kindergärten mit einem richtigen Stundenplan und Unterrichtsfächern, so wie der unsere, genauso gibt es aber auch Einrichtungen in denen nur gespielt und gemalt wird und ab und zu ein bisschen Lesen und Schreiben dazwischengeschoben wird, wenn gerade einmal Zeit dafür ist.

In der Zeit in der wir hier waren konnten wir uns einige der Einsatzstellen von anderen Freiwilligen anschauen und den Alltag dort miterleben, wofür wir unglaublich dankbar sind. Angefangen haben unsere Reisen im Dezember als wir zu Blanca in das Waisenheim in Kondoa in der Nähe von Dodoma fuhren. Der erste gravierende Unterschied war dort, dass sie zusammen mit Schwestern lebt, während wir mit Brüdern zusammen leben. Das war eine ganz andere, aber dennoch genauso schöne Atmosphäre. Außerdem hat sie eine ganz andere Beziehung zu den Kindern aufbauen können, da sie mit ihnen zusammen lebt, sie wäscht, mit ihnen gemeinsam isst und auch an den Wochenenden Zeit mit ihnen verbringt. Bei uns sind die meisten Kinder unsere Schüler, wir leben nicht mit ihnen zusammen, sehen  sie nicht an den Wochenenden und auch unter der Woche für eine begrenzte Stundenanzahl. Außerdem liegt die Einsatzstelle auf einem Missionsgelände mit vielen anderen Gebäuden und einer riesigen Kirche, die fast europäisch wirkte und uns sehr beeindruckte. Des Weiteren ist die Einsatzstelle sehr stadtnah und wir konnten zu Fuß, mit dem Bajaji und Blanca sogar mit dem Fahrrad ganz einfach in die Stadt kommen.

Weiter ging es gar nicht weit entfernt von Kondoa nach Dodoma in die Hauptstadt. Dort haben die zwei Freiwilligen Friederike und Paula ihr neues zu Hause in einem Heim für Kinder mit Behinderung gefunden. Auch sie leben mit Schwestern zusammen, sind der stadtnah und haben sogar ein eigenes kleines Häuschen etwas abseits vom Schwesterngelände. Als wir dort zu Besuch waren, waren die Kinder leider nicht da, sondern bei ihren Familien. Auf dem Gelände gibt es einen Spielplatz, die Schwestern arbeiten direkt mit den Kindern, unterrichten sie und kochen. Die Aufgaben von Friederike und Paula waren damals noch das Unterrichten der Kinder, Waschen und Kochen. Außerdem ist diese Einsatzstelle sehr auf „Dadas“ (=Arbeiterinnen) angewiesen, die den Schwestern unter die Arme greifen. Tiere wie Schweine, Ziege, Hühner und Kühe befinden sich auch direkt auf dem Gelände, um die sich auch gekümmert werden muss. Dies bildet auch einen Unterschied zu unserer Einsatzstelle, da die Tiere bei uns etwas abseits gehalten werden. Den beiden wird also nie langweilig, ganz im Gegenteil ist es manchmal schon etwas viel Arbeit gewesen und die Arbeit mit behinderten Kindern in Tansania stellte die beiden manchmal vor riesige Herausforderungen, die bis hin zu ethischen Fragen gingen. Die Beiden verdienen wirklich meinen größten Respekt für ihre Arbeit dort, denn diese ist alles aber auf keinen Fall einfach!

Die Einsatzstelle die am nächsten an unserer Einsatzstelle liegt ist der Arbeitsplatz der Freiwilligen Cedric und Paul. Diese arbeiten in einer Secondary School, übernehmen aber auch andere Arbeiten wie Bauarbeiten und Feldarbeit. Sie leben mit zwei Brüdern zusammen, die von dem gleichen Orden wie unsere Brüder kommen, weshalb unsere Brüder auch des Öfteren dort hinfahren. In 10 Minuten sind die beiden zu Fuß in der Stadt, bei ihrer Schule und bei anderen Brüdern die auch in der Nähe wohnen. Anders als wir dürfen die beiden allerdings sehr selten nur unterrichten, da man eine Ausbildung bzw. ein Studium benötigt um an einer Sekundarschule zu unterrichten. Generell war es immer schön gleiche Gesprächsthemen zu haben, da man bei Brüdern eines Ordens lebt.

Auch Anna und Silvia leben bei Brüdern des SCIM Ordens in Iringa. Dort waren wir aufgrund einer großen Feier der Brüder im Juni. Die beiden arbeiten in einer Grundschule die nicht weit entfernt von ihrem Haus liegt. Im Gegensatz zu uns haben die beiden viel mehr Kontakt zu vielen verschiedenen Brüdern, da sie mit dem Oberbruder zusammenleben und generell in Iringa der Ursprung des Ordens liegt. Die Einsatzstelle der beiden ist wunderschön, die perfekte Mischung zwischen Stadt und Land und mit viel Abwechslung. Oft kommen neue Brüder, Dadas oder Gäste, die beiden sprechen ausgezeichnetes Kiswahili, da das Niveau in einer Grundschule hier wirklich recht hoch ist und viele Fachwörter benötigt werden. Des Weiteren leben die beiden mit einem super lieben Maasaimädchen zusammen, das für sie wie eine kleine Schwester geworden ist. Allerdings ist es dort ähnlich wie bei uns, dass die beiden nur eine Lehrer-Schüler –Beziehung zu den meisten Kindern aufbauen können und die Kinder beispielsweise in den Ferien auch ganze 4 Wochen eventuell nur einmal zufällig treffen.

Die letzte Einsatzstelle die wir nur für ein paar Stunden besuchten ist die Einsatzstelle von Paul, der in einer Secondary School in der Nähe von Moshi arbeitet die von indischen Padris geführt wird. Allein dieser Fakt macht die Einsatzstelle einzigartig. Es wird fast ausschließlich Englisch gesprochen, indisch gekocht und da es eine Sekundarschule nur für Jungs ist, hat Paul nur Kontakt zu männlichen Schülern. Als wir dort waren nahmen wir an einem Gottesdienst teil, der wirklich beeindruckend war. Nicht nur, weil sich die Stimmen von über 100 Jungen im Chor wirklich schön anhörten, sondern weil man den Gottesdienst kaum mit einem der uns nun schon vertrauten traditionellen tansanischen Gottesdienste vergleichen konnte. Pauls Aufgaben in der Einsatzstelle sind zum einen sich um die Bücherei zu kümmern und ein Musikprojekt zu leiten, allerdings erfüllt er auch andere hausmeistertechnische Aufgaben. Seine Beziehung zu den Schülern hat uns am Anfang wirklich überrascht, weil dort ein sehr strenger und harscher Umgangston herrschte, den wir aus unserem Kindergarten gar nicht gewöhnt sind. Allerdings erklärte Paul uns später, dass das so sein muss, weil er mit gleichaltrigen oder älteren Jungen oder Männern zusammenarbeitet und sonst gar keinen Respekt mehr erlangen könnte.

Das waren jetzt einmal alle Einsatzstellen, die wir in der Zeit die wir hier verbrachten besuchen durften. Jede ist für sich einzigartig und schön. Eigentlich kann man keine Einsatzstelle mit einer anderen vergleichen, da es selbst bei ähnlichen Berufsfeldern so gravierende Unterschiede gibt. Aber genau das finde ich so spannend daran, dass wir alle an verschiedene Orte Tansanias geschickt wurden, andere Klimabedingungen, Kulturen, Stammessprachen und Schwestern/Brüdern/Padris, sodass im Endeffekt jeder einzelne von uns sein ganz besonderes, einzigartiges und unvergessliches Jahr in Ostafrika erleben konnte.

Kondoa Kondoa Kirche in Kondoa Dodoma Gemeinsam in Moshi Iringa Iringa Iringa Boma in Iringa Stadt Kilolo nahe Iringa Feier der Brüder in Iringa Feier der Brüder in Iringa

Die Entwicklung der Kinder

07Juli2018

10 Monate sind vor allem für kleine Kinder und deren Entwicklung eine verdammt lange Zeit. Mit Entwicklungen die ich in den letzten Monaten im Vergleich zum Anfang beobachten konnte, soll sich dieser Blogeintrag auseinandersetzen.

Als ich im Oktober hier ankam hatte ich natürlich wie glaube ich fast jeder, so gut wie gar keine Vorstellungen von einem tansanischen Kindergarten, dem Unterricht und den Lehrmethoden. Außerdem kannte ich aus meiner eigenen Kindheit oder von Kindern aus Deutschland nur bestimmte Erziehungsmethoden, Spielzeuge und Ansichten, die ich hier mehr oder weniger komplett über den Haufen schmeißen konnte.

Während ich selbst es im Kindergarten immer toll fand alles Mögliche zu basteln, malen und zu kneten, stießen wir hier auf Kinder, die sich nicht einmal trauten mit mehr als einer Farbe und größer als 1cm groß zu malen. Wir trafen 3 jährige Kinder, die bis 100 zählen und die Zahlen von 1-50 problemlos aufschreiben konnten und auf einen komplett strukturierten Schul- bzw. Kindergartenalltag, den man nur aus deutschen Grundschulen kennt. Mit 5 lernt man hier das addieren und ein halbes Jahr später das subtrahieren. Man lernt das Alphabet, lesen und schreiben, viel mit auswendig lernen oder Liedern. Und auch die Bestrafungen sind natürlich ganz andere als in Deutschland und ein richtiges „Belohnungssystem“ gab es bis dato auch nicht.

Wie wir erfuhren standen Fächer wie Kunst, Sport und Musik zwar auf dem Stundenplan des Kindergartens, allerdings wurden diese nur die allerwenigste Zeit und vor allem von Freiwilligen unterrichtet. Da das die Fächer waren, auf die wir uns am meisten freuten, nahmen wir diese Herausforderung gerne an. Wie ich ja auch schon in einigen anderen Blogeinträgen erwähnt habe, bastelten und malten wir unglaublich viel mit den Kindern, führten neue Spiele und Lieder ein. Und die Entwicklung die dort zu beobachten war, war unglaublich. Von Mal zu Mal wurden die Bilder der Kinder kreativer, sie brachten eigene Ideen mit ein, malten mit bunten Farben und die Frage: „Ist heute wieder Kunst dran?“ wurde uns bestimmt zehn Mal am Tag gestellt. Das hat uns so glücklich und auch ein bisschen stolz gemacht. Auch als wir neue Spiele und Lieder einführten, kamen einige Kinder zu uns und schlugen eigene Lieder vor, die sie von zu Hause oder von anderen Familienmitgliedern kannten. Sodass wir jetzt am Ende etliche neue Spiele und Lieder haben, die gern den ganzen Tag gespielt und gesungen werden würden.

Auch in Bezug auf die Bestrafung durch Schlagen der Kinder hat sich einiges geändert: Dadurch, dass wir das Belohnungssystem mit Stickern und Stempeln eingeführt haben, geben sich die Kinder viel mehr Mühe, stören nicht mehr allzu oft und benehmen sich im Allgemeinen wirklich besser. Auch die Lehrerinnen drohen jetzt nicht mehr andauernd mit Bestrafungen, sondern damit, dass sie dann keinen Sticker oder keinen Stempel bekommen. Das klappt wirklich besser als gedacht, wenn auch nicht immer zu 100%, aber das war uns von Vornherein klar, dass wir diesen Punkt in 10 Monaten nicht ändern können werden.

Abgesehen vom Unterricht hat sich auch beim „Uji“ trinken ein bisschen  was geändert. Wo es zu Anfang noch viel Streit und viele Tränen darum gab, wer wann das Wasser zum Abwaschen verteilt und wer die sauberen Tassen prüft und einsammelt, gibt es jetzt eine Liste bei der jeder einmal drankommt. Das macht das Ganze nicht nur fairer, sondern die Kinder üben mit dieser Liste auch das Lesen ihres eigenen Namens und derer anderer Kinder.  Da vor allem ich hier auch echt ein Problem damit hatte und habe, dass sich die Kinder und auch Erwachsene nicht bedanken können. Habe ich versucht mit der Dada zusammen einzuführen, dass die Kinder nachdem sie den Uji bekommen haben, immer „Danke“ sagen müssen, um ihn auch wirklich zu bekommen. Das Gleiche gilt auch bei den Stickern und Stempeln. Diese Aufgabe ist ziemlich mühselig, da die meisten diesen Umgang von zu Hause nicht gewöhnt sind, aber ich gebe trotzdem nicht auf, weil ich da wirklich Wert drauf lege.

Allerdings gab es nicht nur eine Entwicklung der Kinder an sich, sondern auch im Umgang mit uns den „weißen Lehrerinnen“. Zu Anfang kam es täglich vor, dass wir anstatt „Mwalimu“ (=Lehrerin), „Mzungu“ (=Weiße) genannt wurden, dass uns nicht alles zugetraut wurde oder dass trotzdem noch einmal eine von den tansanischen Lehrerinnen gefragt werden musste. Dies hat sich jetzt komplett geändert und wenn einem Kind nochmal das Wort „Mzungu“ herausrutschen sollte, kann es sich schon auf einen Ellenbogenstoß oder böse Blicke eines anderen Kindes gefasst machen.

Dies waren nun einige Beobachtungen die ich in Bezug auf die Entwicklung der Kinder gemacht habe. Im Großen und Ganzen bin ich sehr positiv davon überrascht, wie deutlich man diese Veränderungen wahrnehmen konnte und auch wenn man manchmal Tage hatte, an denen man sich dachte: „Für was und wen mach ich das Ganze hier eigentlich? Bringt doch sowieso nichts!“, stimmt das am Ende des Freiwilligendienstes nicht. Natürlich konnte ich nicht die Welt verbessern indem ich 10 Monate in einem Kindergarten in Tansania gearbeitet habe, aber mit dieser Einstellung bin ich an die ganze Sache auch nicht rangegangen. Die Welt geändert habe ich nicht, aber trotzdem habe ich etwas hinterlassen, was den Kindern hoffentlich zugutekommen wird: Kreativität, Höflichkeit und ganz viel Liebe.

Krankenhäuser, Apotheken und Ärzte – Das Gesundheitssystem in Tansania

29Juni2018

Das Gesundheitssystem in Tansania wird staatlich geführt und ist wie so vieles andere auch hierarchisch gegliedert. Man kann es sich wie eine Pyramide vorstellen an deren Spitze die wenigen Zentralkrankenhäuser stehen, die mit teuren internationalen Standards glänzen. Ihre Funktion als Referenzkrankenhäuser kann allerdings nur sehr bedingt erfüllt werden, das liegt vor allem an der schlechten Infrastruktur, fehlenden Straßen und Kommunikationsmöglichkeiten. Das größte Problem meiner Meinung nach ist allerdings die ungleiche Verteilung finanzieller Mittel z.B. aus Entwicklungshilfe. Von allen Geldern die für das Gesundheitssystem zur Verfügung stehen gehen 85% an die schon erwähnten Zentralkrankenhäuser, die allerdings nur 10% der Bevölkerung erreichen. Der Rest, das heißt 15% bleibt für den Rest (=90% der Bevölkerung) übrig und reicht natürlich vorne und hinten nicht.

Es gibt verschiedene Krankenhausarten in Tansania:

  1. Die Consultant Hospitals die sich durch ihre Spezialabteilungen mit Fachärzten auszeichnen und oft auch als Lehr- und Universitätskliniken dienen. Diese gibt es beispielsweise in Dar es Salaam, Moshi und Mwanza, allerdings sind noch einige weitere auch in unserer Region geplant.
  2. Meist gibt es ein Regionalkrankenhaus für eine Region das eine Anlaufstelle für ca. 1 Millionen Menschen bietet. In ihnen arbeiten meist Fachärzte oder erfahrene Allgemeinmediziner zusammen mit Medical Assistants, die dort manchmal sogar ausgebildet werden können. Außerdem gibt es auch kleinere Fachabteilungen.
  3. District Hospitäler sind für ca. 100.000-200.000 Menschen verantwortlich. Pro Krankenhausbett kommen 1000 Einwohner. Meist arbeiten dort 2-4 Ärzte und Medical Assistants und es gibt keine Fachabteilungen.
  4. Außerdem gibt es pro 50.000 Einwohner meist ein kleines Health Center. Bei diesen sollten theoretisch mindestens ein Arzt, ein Medical Assistant, Hebammen, Laboranten und Krankenschwestern arbeiten. Außerdem sollten sie eine Entbindungsstation und ca. 20 Betten für einen stationären Aufenthalt bereitstellen können. In der Realität sieht dies allerdings meist oft anders aus.
  5. Den Fuß der zu Anfang erwähnten Pyramide bilden die Dispensarys. Pro 10.000 Einwohner sollte hier im Idealfall eine Dispensary zur Verfügung stehen. Dort sollen ein Medical Assistant, Laboranten, Hebammen und Krankenschwestern arbeiten und Entbindungen und Impfungen möglich sein.

Schon lange ist die Versorgung durch Ärzte und Krankenhäuser nicht mehr kostenlos, seit 2001 gibt es allerdings eine Versicherung für Angestellte im Regierungsdienst und unter Magufuli entstand die sogenannte BIMA.

Ich selbst war während meiner Zeit hier zweimal im Krankenhaus und war größtenteils wirklich positiv überrascht. Es gab keine langen Wartezeiten, man wurde vorerst von einer Krankenschwester untersucht bevor man mit dem Arzt sprechen konnte. Dieser nahm sich in  beiden Fällen viel Zeit für einen und konnte auch wirklich gutes Englisch für den Fall, dass man einmal nicht alles auf Kiswahili verstand. Auch die Blutabnahme erfolgte äußerst kompetent und hygienisch. Allerdings bekam ich in beiden Fällen keine konkrete Diagnose obwohl ich augenscheinlich krank war. Der Arzt rätselte eher etwas herum anstatt weitere Tests anzuordnen und verschrieb mir im Endeffekt Medikamente gegen jede Möglichkeit. Das war schon etwas seltsam, da ich teilweise dann sieben Tabletten auf einmal schlucken musste, die sich gegenseitig teilweise wieder „bekämpft“ haben. Generell nehmen Tansanier sehr schnell mal eben das ein oder andere Antibiotikum und selbst Kindern wird dieses bei jedem kleinen Schnupfen verschrieben. Die Behandlung und die Medikamente musste ich direkt an einem Schalter bar bezahlen, bevor ich die Medikamente bekommen habe. Das waren umgerechnet nicht mehr als 30€, aber wenn man sich vorstellt, dass das fast das Monatsgehalt eines Grundschullehrers ist, kommt man schon ins Nachdenken. Die meisten Tansanier können es sich nämlich nicht leisten einfach mal so ins Krankenhaus zu fahren und sich dort behandeln zu lassen. Oft wird dann auf anderes verzichtet, was aber auch gebraucht wird. Eine andere Freiwillige die ihren Dienst im Krankenhaus absolviert, hat mir einmal erzählt, dass es eigentlich täglich vorkommt, dass Patienten abgewiesen werden auch wenn sie teilweise todkrank sind, weil sie die Behandlung nicht bezahlen können. Nicht selten sieht man auch vor allem in größeren Städten Maasais die ihre traditionelle Medizin verkaufen wollen. Das sind dann kleine Fläschchen die mit bunten Flüssigkeiten gefüllt sind, von deren Ursprung ich besser nichts wissen möchte.

In jedem Krankenhaus gibt es auch eine Apotheke in der man dann seine verschriebenen Medikamente abholen kann, aber auch in der Stadt gibt es eigentlich an jeder Ecke Apotheken. Die Mitarbeiter können meist auch ganz gutes Englisch, tragen aber keine weißen Apothekenkittel oder Einheitskleidung wie man es aus Deutschland kennt. Die meisten Medikamente kommen aus dem Ausland, beispielsweise aus Südafrika, Indien oder Holland. Selbst Tansanier trauen ihren eigenen Medikamenten nicht ganz über den Weg, auch wenn diese um einiges billiger sind, da es auch viele gefälschte Medikamente gibt, die nur einen geringen Teil des eigentlichen Wirkstoffes enthalten. Gängige Medikamente wie Paracetamol oder manche Antibiotika kommen aus riesigen Plastikverpackungen und werden per Hand in kleine aus Zeitungspapier gefaltete Umschläge gefüllt. Eine verschlossene Packung bekommt man eigentlich nie. Grundsätzlich kann man schon für umgerechnet einige Cents Kopfschmerztabletten bekommen und für 2/3€ einen Hustensaft. Trotzdem ist es für die meisten Tansanier schlicht und einfach zu teuer, vorausgesetzt sie haben überhaupt die Möglichkeit in eine Apotheke zugehen. Einige Medikamente wie Nasenspray oder Halsschmerztabletten gibt es hier allerdings nicht, also war ich oft froh, dass man sich aus Deutschland seine eigene kleine Reiseapotheke mitgenommen hat.

Allerdings gibt es vor allem in ländlichen Regionen noch viel Aberglaube und Unwissen in Bezug auf Krankheiten und Gesundheit. Traditionelle Medizin ist auch heute noch ein Thema. Das Lebensziel der Bantus beispielsweise ist spendende Kräfte zu erlangen, die durch Krankheiten, Wunden etc. geschwächt werden. Quellen dieser Kräfte ist vor allem Gott, Geister, Vorfahren, Tiere, Pflanzen, Mineralien, Sand und Ton. Traditionelle Heiler die an diese Kräfte glauben berufen sich oft auf böse Geister und von der Regierung anerkannte Medizinmänner versuchen diese mit Heilpflanzen zu vertreiben. Es gibt auch einige traditionelle Geburtsrituale da eine schwangere Frau zwischen traditionellen Geburtshelfern und ausgebildeten Hebammen entscheiden kann. Bis heute bevorzugen die meisten Frauen eine Hausgeburt und Jungen sind höher angesehen als Mädchen. In einigen Stämmen darf die Nabelschnur so lange nicht berührt werden bis sie von selbst abfällt, teilweise wird mit Kuhdung nachgeholfen.

Die Kindererziehung obliegt einzig und allein der Frau. Eine tansanische Frau sollte so viele Kinder wie möglich zur Welt bringen und diese auch größtenteils allein großziehen. Auch die Beschneidung von Jungen und Mädchen ist noch sehr verbreitet und ab der Pubertät bleiben junge Frauen oft zu Hause um „angemessenes Verhalten zu lernen“. Polygamie ist in Tansania nicht selten. Auch wir kennen einige Männer aber auch genauso Frauen die mehrere Partner auf einmal haben und das auch ganz normal so ist. Gerade in ländlichen Regionen wo die Frau zu Hause bleibt, der Mann aber vielleicht in einer größeren Stadt arbeitet, ist es laut Tansaniern schon fast komisch, wenn er nicht mehr als eine Frau auf einmal hat: Eine zu Hause auf dem Land, eine auf der Reise und eine in der Stadt in der er arbeitet.

Im Folgenden möchte ich euch einen Vergleich näherbringen den ich auf der Seite mmh-mms.com gelesen habe und von welcher ich auch die anderen Informationen zum Gesundheitssystem bekommen habe. Natürlich ist der Vergleich nicht zu verallgemeinern und idealisiert bzw. dramatisiert dargestellt, aber das hilft um die Drastik zu verdeutlichen.

Ein Mädchen das in Deutschland zur Welt kommt hat eine Lebenserwartung von ca. 78 Jahren. Man kann davon ausgehen, dass sie von Geburt an ausreichend ernährt wird und unter guten hygienischen Bedingungen lebt. Eine schulische Ausbildung ist meist auch garantiert, medizinische Versorgung inklusive Impfungen werden vom Staat gefördert.  Meist heiratet das Mädchen erst nach dem 20. Lebensjahr, hat vorher schon eine Berufsausbildung oder ein Studium angefangen und bekommt evtl. 1-2 Kinder. Die Entbindung findet meist im Krankenhaus unter guten hygienischen Bedingungen statt. Sollten Probleme auftreten sind die dafür zuständigen Fachärzte vorhanden und auch eine intensivmedizinische Versorgung garantiert. Als Mutter oder Vater in Deutschland kann man bis zu 3 Jahre zu Hause bleiben und sich um das Wohl des Kindes kümmern. In Deutschland wachsen jährlich 15 Millionen Kinder unter den eben geschilderten oder ähnlichen Umständen auf.

Deutschland gibt pro Kopf pro Jahr ca. 2000-3000€ für die Gesundheit aus!

Ein Mädchen das in Tansania geboren wird hat eine Lebenserwartung von ca. 43 Jahren. Von Anfang an schon im Mutterleib wird die Gesundheit durch Fehl- oder Mangelernährung beeinträchtigt und die meisten Babys haben ein sehr geringes Geburtsgewicht. Dadurch steigt das Krankheitsrisiko, sodass 1 von 5 Mädchen ihren ersten Geburtstag nicht miterlebt. Die Wohnbedingungen sind oft gesundheitsschädlich und schon als Teenager werden viele Mädchen verheiratet. Eine tansanische Frau bekommt nicht selten 7-10 Kinder, viele Mütter sterben allerdings auch bei der Geburt (950 zu 100.000). Infektionskrankheiten aufgrund unzureichender Hygiene und Blutarmut wegen schlechter Ernährung sind nicht selten. Auch die harte Arbeit und die Sorge um die Familie zehren an den Kräften und sorgen für den schnelleren Verschleiß des Körpers. In Tansania wachsen jährlich 20 Millionen Kinder unter solchen oder ähnlichen Bedingungen auf.

Tansania gibt pro Kopf pro Jahr 2,50€ für die Gesundheit aus!

Maurice King prägte den Begriff „Medizin der Armut“, typische Krankheiten hierbei sind Tuberkulose, Malaria, HIV-Infektion bzw. AIDS, Durchfallerkrankungen, Cholera oder Fehl- bzw. Mangelernährung. Die Gesundheit ist also stark von sozialen Parametern wie Lebens- und Arbeitsbedingungen, Hygiene, Trinkwasser und Zugang zur Gesundheitsversorgung abhängig. Jährlich sterben 3 Millionen Kinder an Krankheiten die zu verhindern wären. Laut UNICEF sterben täglich 8000 Kinder an Masern, Keuchhusten oder Tetanus, 7000 an Durchfallerkrankungen und 6000 an Lungenentzündungen.

Schon oft hat Tansania versucht das Gesundheitssystem zu reformieren, diese Reformen sind allerdings vor allem an Mangel an qualifizierten Personal und der schlechten Versorgung mit Medikamenten bzw. deren falscher Lagerung gescheitert. Auch die Reform der Krankenhäuser verläuft eher schleppend, da sie noch immer unterfinanziert sind und einige nicht über fließend Wasser, Strom und einen Telefon- und Internetanschluss verfügen. Ländliche Gegenden werden teilweise total vernachlässigt. Beispielsweise kommt bei uns einmal im Monat eine Krankenschwester die den Säuglingen Impfungen verabreicht, sie untersucht und auch allen anderen Menschen ihre Hilfe anbietet. Die Menschen die hier bei uns wohnen sind ansonsten allerdings völlig auf die Brüder angewiesen wenn sie einmal zum Arzt wollen. Diese fahren sie dann mit dem Auto nach Karatu und dort meist in Missionskrankenhäuser, die weniger oder kein Geld für die Behandlung nehmen, da sie sich durch Spenden finanzieren.

Im Großen und Ganzen habe ich persönlich hier in Tansania noch keine wirklich schlechten Erfahrungen gemacht. Das liegt aber auch daran, dass es für mich aufgrund meiner Versicherung nicht schlimm war die Behandlung vorerst zu bezahlen, da ich es ja zurückerstattet bekomme. Versetze ich mich allerdings in die Lage eines Tansaniers, der wirklich krank ist und auf ärztliche Behandlung angewiesen ist, diese aber nicht zahlen kann, weil sie mehr als ein Monatsgehalt in Anspruch nehmen würde, stelle ich das Gesundheitssystem wirklich in Frage. Allerdings weiß ich auch und wir hören es jeden Tag in den Nachrichten, dass das Land dabei ist was an seinem Gesundheitssystem zu tun. Es ist nur ein Prozess der noch eine Weile dauern wird.

Was wir uns von Tansania/Tansaniern abschauen könnten…

27Juni2018

Der heutige Blogeintrag soll sich ganz mit Dingen auseinandersetzen die mich an Tansania bzw. Tansaniern faszinieren, mich inspirieren und beeindrucken. Vor allem aber auch Dinge, die man sich gut und gerne für Deutschland beibehalten könnte und sollte, die das Leben einfach einfacher und schöner machen.

  1. Gastfreundschaft: Tansanier bekommen grundsätzlich sehr gerne Besuch und Gäste sind eigentlich immer willkommen, auch wenn es zeitlich eigentlich gerade ganz und gar nicht passt. Die Arbeit wird verschoben, es wird Tee gekocht und in den Vorräten nach etwas Essbarem gesucht. Wenn Gäste sich schon vorher ankündigen, gibt ein Tansanier sich die größte Mühe, dass sich der Gast wohlfühlt, kocht, backt und nimmt sich vor allem ganz viel Zeit für seinen Besuch.
  2. Zeit für Menschen und Gespräche nehmen: Auch mit der Gastfreundschaft zusammenhängend ist, dass Tansanier sich eigentlich immer irgendwas zu erzählen haben und sich auch gern Zeit dafür nehmen. Grundsätzlich geht man nie aneinander vorbei ohne sich zu grüßen oder sich nach dem Befinden des Anderen zu Erkundigen. Wenn man sich gerade einmal nicht sieht, kann es auch gut vorkommen, dass man täglich einen kurzen Anruf bekommt, der nur zum Ziel hat 2 Minuten miteinander zu sprechen und zu fragen wie es dem Anderen geht. Auch mit völlig fremden Menschen fängt man oft ganz ungewollt aber auch ungezwungen Gespräche an, auch wenn diese völlig belanglos sind.
  3. Gastgeschenke: Ist man dann einmal bei einem Tansanier eingeladen, kommt ein Gastgeschenk immer gut. Meist sind das hier Früchte vom Markt oder Spezialitäten aus der Region. Auch wenn wir andere Einsatzstellen besucht haben, brachten wir immer frisches Obst oder eine Kleinigkeit mit, was dann meist noch am gleichen Tag auf dem Tisch stand und mit allen geteilt wurde. Eine schöne Tradition meiner Meinung nach!
  4. Jeder hilft Jedem: Egal ob auf dem Feld, in der Schule oder bei Festen, Tansanier sind unglaublich hilfsbereit. Man kann sich eigentlich immer darauf verlassen, dass irgendjemand da ist der einem hilft. Vor Hochzeiten beispielsweise ist es selbstverständlich, dass alle Menschen aus der Gegend beim Kochen, Vorbereiten und hinterher wieder aufräumen helfen, auch wenn sie das Brautpaar vielleicht gar nicht kennen. Werden gerade die Bohnen geerntet und einer hat einen Traktor, steht es gar nicht zur Debatte, dass die Felder von den anderen nicht auch mitgeerntet werden. Kann die eine Lehrerin gerade nicht in der Schule unterrichten, fragt sie eine Freundin und diese übernimmt für den Tag die Arbeit ohne mit der Wimper zu zucken. (…)
  5. Gemeinschaft: Oft hört man den Satz „Ganz Tansania ist eine große Familie!“ und das kann ich nur bestätigen. Nicht nur das Wort „Ndugu“ (=Verwandter) wird hier sehr oft und gerne verwendet, sondern auch „Dada“ (=Schwester) oder „Kaka“ (=Bruder) sind hier ganz normale Bezeichnungen unter Nachbarn, Freunden und sogar Fremden. Diesen Punkt kann man auch gut mit dem vorherigen verknüpfen, denn eine große Familie hilft sich natürlich immer und ist gern beisammen. Tansanier erledigen ihre Arbeiten selten allein, sondern meist in Gemeinschaft. Auch auf gemeinsames Essen, in die Kirche gehen und einfach beisammen sein wird hier viel Wert gelegt. Vor allem auch bei den Kindern merkt man schon früh, dass sie immer füreinander da sind, sich kümmern und auch aufeinander angewiesen sind. Das liegt natürlich auch daran, dass es meist sehr viele Kinder sind und die Eltern den ganzen Tag arbeiten, weshalb die Größten sich ganz selbstverständlich um die Kleineren kümmern.
  6. Leben im Hier und Jetzt: Für einen Tansanier gibt es nur das „Heute!“, die Worte „Morgen“,“ „Gestern“ oder „nächste Woche“ werden so gut wie gar nicht verwendet. Man lebt genau jetzt und über den Rest macht man sich Gedanken wenn es soweit ist. Bustickets kauft man grundsätzlich meist erst einen Tag vorher, wenn es keine Bananen mehr gibt merkt man das erst 5 Minuten vorm Frühstück und nicht schon gestern Abend und überlegt sich dann ganz in Ruhe eine Alternative, was auch eigentlich immer klappt. Über Vergangenes sei es positiv oder negativ wird sich auch eher selten unterhalten und wenn man studieren möchte, fährt man auch erst einen Tag vorher los, weil man ja bis dahin noch seine andere Arbeit zu erledigen hat.
  7. Klare Trennung von Alltag/Arbeit und Feierlichkeiten: Diesen Punkt habe ich auch schon einmal in meinem Blogeintrag über die Kirche erwähnt, da man den Sonntag ganz klar von anderen Tagen der Woche trennt. Tansanier trennen ihre Kleidung ganz klar in Arbeits- und Sonntags- bzw. Festtagskleidung. Bei Reisen putzen sie sich auch heraus und das ist ihnen auch sehr wichtig. Niemand würde auf die Idee kommen seine Alltagskleidung auf einer Hochzeit oder in der Kirche anzuziehen. Sonntags wird zusammen gekocht, gegessen und Zeit verbracht, gearbeitet werden kann und soll an den anderen Tagen der Woche.
  8. Dinge reparieren anstatt sie wegzuschmeißen: In der Regenzeit war man hier ohne Gummistiefel komplett aufgeschmissen und sie waren ein täglicher Begleiter. Eines Tages gingen meine jedoch an der Ferse kaputt und waren undicht, also so gut wie nicht mehr zu gebrauchen. In Deutschland hätte ich dann wahrscheinlich einfach andere Schuhe angezogen bis ich mir einen Ersatz gekauft hätte und die anderen wären weggeschmissen worden, denn ich meine wer kann schon Gummistiefel reparieren und wie teuer wäre das? Hier in Tansania können das so einige und das für umgerechnet 0,30€. In dem Fall ging ich also mit meinen Gummistiefeln zu dem Vater eines Schülers, der mir innerhalb eines Tages meine Gummistiefel wirklich professionell reparierte. Ich war wirklich begeistert und auch so froh, dass ich mir nicht direkt neue gekauft habe, sondern diese Chance genutzt habe sie reparieren zu lassen. Natürlich liegt das hier auch daran, dass meist nicht genügend Geld da ist, um Dinge so einfach zu ersetzen, aber der Grundgedanke des Reparierens im Gegensatz zur deutschen „Wegwerfgesellschaft“ ist meiner Meinung nach so wertvoll. Selbst Flipflops werden hier genäht, Schulpullover wirklich gut gestopft und Hosen geflickt. Und wenn ein Teil dann doch nicht mehr ganz so schön ist, wird es dann eben nicht mehr sonntags angezogen, sondern als Arbeits- oder Spielklamotte weitergetragen.
  9. Umgang mit Kranken: Bei diesem Punkt spreche ich natürlich wie immer nur über Erfahrungen die ich gemacht habe, aber vor allem diesen Punkt kann man auf gar keinen Fall verallgemeinern. (Aber zum tansanischen Gesundheitssystem, Krankenhäusern und Apotheken kommt noch einmal ein gesonderter Blogeintrag.) Tansanier sind was das Krank sein angeht wirklich sehr besorgt und fürsorglich. Man muss nur einmal sagen, dass man ein wenig Kopfweh hat oder einmal zu viel Husten und schon wird das Auto für den Transport ins Krankenhaus bereitgemacht. Jeden Tag und zu jeder Tageszeit wird sich nach der Gesundheit erkundigt, es wird extra gekocht und man wird bemuttert. Auch wenn man nicht zu Hause ist und krank wird, lassen Tansanier alles stehen und liegen und kümmern sich erst einmal um den Kranken, auch wenn der vielleicht gar nicht so krank ist, wie es der Gastgeber gerade denkt.
  10. Unkompliziertheit und Spontanität: Das ist glaube ich die Sache mit der ich in Deutschland nach der Rückkehr die meisten Probleme haben werde, denn Tansania ist in den meisten Dingen wirklich unkompliziert. Wenn man beispielsweise warum auch immer die Busreise am geplanten Datum nicht antreten kann reicht es aus am gleichen Morgen Bescheid zu geben und es ist gar kein Problem am nächsten Tag den Bus zu nehmen. Reicht das Wechselgeld eines Verkäufers einmal nicht aus, ist es gar keine Frage, dass sein Kollege aus dem Nebengeschäft ihm aushilft. Möchte man etwas beim Schneider abholen hat dieser jedoch zu, kann man Glück haben, dass dieser die fertigen Sachen an seinen Kollegen weitergeben hat und man sie bei ihm abholen kann. Diese Aufzählung könnte jetzt noch ewig weitergehen, aber ich denke der Grundgedanke ist angekommen: Auch wenn es anfangs nicht so aussieht, in Tansania funktioniert immer irgendwie, irgendwann alles. Anfangs war es noch wirklich schwierig sich ein bisschen locker zu machen und darauf zu vertrauen, aber so viele positive Erfahrungen haben genau diesen Punkt bestätigt, weshalb ich ihn auf keinen Fall unerwähnt lassen möchte.

Das waren jetzt zehn Dinge, die meiner Meinung nach wirklich tolle Eigenschaften sind, die man sich von Tansaniern gut und gerne abgucken könnte. Natürlich gibt es noch etliche andere und auch nichts davon kann man als allgemeine Aussage ansehen, aber dieser Blog ist ja dafür da, dass ich von meinen gemachten Erfahrungen berichte und einmal wertschätze was es hier für tolle Menschen, Kulturen und Traditionen gibt.

 

Strom, Technik, Fernsehen, Internet – Die digitale Welt in Tansania

19Juni2018

Wenn ich ganz ehrlich bin flog ich nach Tansania mit der Vorstellung, dass ich nicht so oft Kontakt zu Familie und Freunden haben werde, oft im Dunkeln sitze und bei allen digitalen Dingen 10 Monate im Rückstand sein werde. Da lag ich allerdings komplett falsch!

Da ich am Anfang dachte mit den meisten Leuten über postalischen Weg kommunizieren zu müssen, fange ich direkt mal an dieser Stelle an, denn die gelben DHL Postkästen gibt es hier natürlich nicht. Eigentlich hat jede halbwegs größere Stadt ein Postamt, das oft auch noch als Bank oder Rentenauszahlungsstelle fungiert. Die Post beinhaltet dann ganz viele kleine Briefkäste, die P.O. Boxen, die sich meist eher besser situierte Menschen für Geld mieten können. Das müssen sie auch, denn so etwas wie Briefkästen vor der Haustür gibt es nicht. Wenn man also Briefe oder Pakete bekommen oder verschicken möchte läuft das alles über das eine Postgebäude. Der Versand von Briefen und Postkarten in alle Welt funktioniert erstaunlich gut und ist auch gar nicht so teuer, allerdings dauert es natürlich etwas länger was unter anderem auch am Zoll liegt. Pakete und Briefe bekommen stellt da schon eher eine Herausforderung dar. Da unsere Brüder keine eigene P.O. Box besitzen, teilen sie sich eine mit den Brüdern die näher an Karatu wohnen. Diese haben auch einen Schlüssel für die Box mit dem sie jederzeit ihre Post abholen können. – Oder eben auch unsere. Briefe sind hier leider so gut wie gar keine angekommen. Umso verwunderlicher, dass eine in zwei gerissene Postkarte aus Dubai den Weg hierherfand. Bekommt man allerdings ein Päckchen, was erstaunlich gut klappt, wird ein Zettel in die P.O. Box gelegt der als Abholschein fungiert. Dass das so gut wie noch nie reibungslos geklappt hat lag vor allem an dem schusseligen Postbeamten, komischen Öffnungszeiten, Missverständnissen mit den Brüdern und unserer Entfernung zur Stadt. Wenn wir dann allerdings doch einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, musste man eine kleine Gebühr zahlen und bekam dann sein leider nicht immer vollständiges Paket. Eine sehr mühselige Sache, aber umso größer war die Freude wenn man endlich sein Päckchen in den Händen hielt.

So fiel der Brief als Kommunikationsmittel also schon mal weg. Das ist aber gar nicht weiter schlimm, denn direkt in den ersten Tagen in Dar es Salaam bekamen wir unsere Handy-SIM-Karte. Diese werden in Tansania von allen möglichen Anbietern von eigentlich jedem verkauft. Ob Halotel, Vodacom, tigo oder Airtel keine SIM-Karte kostet mehr als 1€. Diese Karte kann man dann mit sogenannten Vouchas aufladen, die meist auch nicht mehr als einige Euros kosten. So waren das Internet und die Erreichbarkeit eigentlich von Anfang an kein großes Problem. Auch bei den Einheimischen hat fast jede Familie mindestens ein Handy. Das ist in den meisten Fällen kein internetfähiges Smartphone, aber ein kleines Tastenhandy das hier umgerechnet für unter 10€ gekauft werden kann. Natürlich sind auch hier Handys ein Statussymbol und es gibt viel Neid rund um das Thema. Wie oft durften wir schon erzählen wie viel unser Handy gekostet hat, wie lange wir das schon haben und ob wir das einfach von unseren Eltern geschenkt bekommen haben. Auch die Kinder lieben es an unseren Handys herumzuspielen und noch vielmehr wenn man ein Foto von ihnen schießt. Einige Tansanier vermieten ihre Handys auch für einen Minutenpreis und stocken damit ihr Einkommen etwas auf. Auch der Verkauf von SIM-Karten und Vouchas ist ein beliebtes Nebeneinkommen. So kann man sich mit etwas Glück selbst auf der Busfahrt eine neue SIM-Karte mit dem dazugehörigen Guthaben kaufen und direkt einrichten lassen. Nicht selten kommt es vor, dass Tansanier 2 oder 3 Handys haben, die meist alle eine andere Nummer und einen anderen Anbieter haben. Hier bei uns haben zum Beispiel alle Menschen den Anbieter „Airtel“ da man nur mit ihm Empfang bekommt. In anderen Städten ist der Anbieter aber vielleicht nicht so populär und man hat schlechten oder gar keinen Empfang. Wenn der Empfang jedoch vorhanden ist lieben Tansanier telefonieren, auch wenn das Telefonat einem total irrelevant vorkommt oder nur 3 Sekunden dauert. Auch SMS werden den ganzen Tag über verschickt meist ohne praktischen Nutzen, sondern einfach nur um sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Da wir ja sehr ländlich leben haben wir so gut wie nie Empfang. Es gibt einige Stellen an denen man guten Empfang hat und im Februar ungefähr haben wir rausgefunden, dass so ein Punkt auch am Gitter unseres Fensters ist. Dort stellen wir die Handys dann hin um ein paar Nachrichten abzuschicken. Von dort aus hab ich nebenbei auch meine Unibewerbungen gemacht, was mit viel Geduld und Ruhe bewahren verbunden war. Aber es hat alles geklappt. Oft liegen die Handys der Tansanier aber auch einfach zu Hause rum, weil man sich gerade kein Voucha leisten kann oder der Akku leer ist.  

Womit wir auch gleich zum nächsten Thema kommen: Strom und Stromausfälle. Grundsätzlich bin ich überrascht wie regelmäßig wir Strom haben, allerdings gibt es auch Tage an denen man von morgens bis abends im Dunkeln sitzt. So gab es schon Abende an denen wir oben im Wohnzimmer der Brüder mit Taschenlampen auf dem Tisch zu Abend aßen oder wir mit Stirnlampe duschen mussten. An den meisten Tagen ist das gar kein Problem, aber gerade in der Regenzeit war es dann noch ungemütlicher als sowieso schon, vor allem wenn der Strom dann mehrere Tage wegblieb und der Akkustand der elektronischen Geräte immer weniger wurde. Die meisten Einheimischen hier haben in ihren Lehmhütten keinen Strom, höchstens eine Minisolarzelle auf dem Dach die für eine Taschenlampenladung ausreicht. So kommt es oft vor, dass alle Steckdosen bei uns im Kindergartengebäude, oben in der Küche und im Haus der Brüdern mit fremden Handys und Taschenlampen bestückt sind, die dann im Laufe des Tages abgeholt werden. Ohne Taschenlampe wäre man hier oben und generell in Tansania nämlich sehr oft ziemlich aufgeschmissen. Nicht selten kommt es vor, dass die Brüder erzählen, dass ein Elefant gegen einen Strommasten gelaufen ist und dieser jetzt erst einmal repariert werden muss, allerdings gibt es für solche Fälle sogar spezielle Wachmänner die Strommasten bewachen und Elefanten verjagen. In größeren Städten und bei wichtigen Gebäuden wie Krankenhäusern gibt es meist einen Generator im Hinterhof der bei Stromausfällen angeworfen wird. Die Stromqualität ist meist ausreichend aber sehr wechselhaft. Sowohl wir als auch die Brüder haben an den Steckdosen einen Spannungsschutz, denn ohne den könnte man seine technischen Geräte jeden Monat austauschen. Leider hat man diesen Spannungsschutz nicht immer, weshalb die Handyakkus trotzdem ziemlich im Eimer sind.

Meist ist der Strom abends jedoch zurück, was die Brüder sehr freut, denn auf ihren Fernseher am Abend würden sie nicht so gern verzichten wollen. Fernseher sind in Tansania ziemlich populär und man kann sie eigentlich überall finden. Selbst vor unserem Lädchen im Dorf steht ein Fernseher durch den der Platz abends immer zum Treffpunkt der Gegend wird. Oben im Wohnzimmer der Brüder steht auch ein Fernseher auf dem eigentlich zu jeder Uhrzeit Nachrichten laufen. Tansanisches Fernsehen ist auch so eine Sache für sich, da man stark merkt, dass es staatlich kontrolliert wird und auch sonst noch in der Entwicklungsphase ist. Nachrichten bestehen meist nur aus Leuten die eine Rede halten oder Versammlungen, es geht viel um die katholische Kirche und die Partei CCM. Genau die gleichen Bilder und Videos werden so weiterverkauft, dass am Ende jeder Sender die genau gleichen Bilder ausstrahlt. Werbung gibt es auch, aber nur begrenzt sodass die Schleife aus Werbung sich immer und immer wieder wiederholt und die Brüder und wir uns schon einen Spaß daraus machen einige Clips mitzusprechen.

Genau wie das Fernsehen ist auch das WLAN noch in der Entwicklung. Es gibt sehr wenige Cafés oder Hotels die WLAN anbieten. Wie auch für das Fernsehen muss man immer wieder Guthaben für den WLAN-Router kaufen und bekommt dafür eine bestimmte Gigabyteanzahl. Wenn diese allerdings leer ist, geht das WLAN solange gar nicht, bis man neues Guthaben kauft. So ist es schon oft vorgekommen, dass wir in einem Café oder Hotel saßen und das WLAN plötzlich nicht mehr funktionierte. Alles noch ein bisschen verbesserungswürdig.

Trotzdem bin ich positiv  überrascht wie fortschrittlich Tansania im Bereich Technik ist und wie regelmäßig man seine technischen Geräte benutzen kann. So gut wie nie mussten wir das Handy aufgrund fehlendes Akkus oder Internets zu Hause lassen und sogar die Tagesschau können wir jeden Tag anhören, sodass wir immer auf dem neuesten Stand sind und nicht wie ich zu Anfang dachte 10 Monate im Rückstand.

Das Wetter

02Juni2018

In Afrika scheint immer die Sonne und es ist immer warm, könnte man denken. Ich kann jetzt mit Gewissheit sagen: Nein, so ist es definitiv nicht.

Im Oktober als wir hier ankamen begann gerade der tansanische Sommer, sodass wir jeden Tag Temperaturen bis zu 35 Grad hatten und auch im November, Dezember und Januar setzte sich dieses Wetter fort. So verbrachten wir den gesamten deutschen Herbst und Winter mit wunderschönem Sommerwetter im Garten und die meiste Zeit draußen. Es regnete eigentlich nie, abends und morgens war es etwas kühler, sodass man sich besser einen Pullover überzog. Der Boden war trocken und rissig, die Wäsche trocknete im Nu und auch unsere Hautfarbe veränderte sich dementsprechend schnell. Die Dürre hielt allerdings so lange an, dass sich die Menschen hier Sorgen machten, dass ihr Gemüse, Getreide und alles andere verdorrt und so war die Freude groß, als die Regenzeit im März einsetzte.

Davor, im Januar bzw. Anfang Februar waren wir allerdings noch in Dar es Salaam und auf Sansibar, wo die Temperaturen nochmal um einiges extremer sind als bei uns im Norden. Es war so warm, dass man sich zweimal am Tag umziehen musste, man total antriebslos war und sich nicht gut konzentrieren konnte. Umso schöner war es dann, dass wir in Sansibar so nah am Meer waren, dass die Abkühlung nicht weit war. Sonnencreme brauchte man trotzdem nie wirklich, außer man wollte sich in die pralle Sonne legen oder einen Spaziergang in der Mittagshitze machten. Ansonsten hatten wir alle viel zu viel Sonnenschutz dabei und mussten ihn jetzt am Ende richtig krampfhaft aufbrauchen um keine zusätzlichen Kilos wieder mit nach Hause zu nehmen.

Wie schon erwähnt begann dann Anfang bzw. Mitte März die lang ersehnte Regenzeit. Wir stellten uns das immer so vor, dass es ununterbrochen sturzbachmäßig schüttet, so war es aber überhaupt nicht. Es wurde kälter, dicke Socken, Pullover, Fleecejacken und Gummistiefeln wurden zu unseren besten Freunden, die Wege matschig und viele Kinder konnten nicht zur Schule kommen. Allerdings regnete es nur morgens, abends und nachts. Tagsüber schien teilweise aber sogar die Sonne. Komischerweise konnten die Leute immer genau vorhersagen wann, wie lange und wie stark es regnen wird, sodass immer nur dann gewaschen wurde, wenn sich kein Regen ankündigte. Der zuverlässigste „Wetterfrosch“ war immer unser Watchmen Ako der uns mit seinem Elefantenstock besondere Sternenkonstellationen zeigte und meinte, so könne er mit Gewissheit sagen, ob es morgen früh regnet oder nicht. Und darauf konnten wir uns auch immer ganz gut verlassen. Obwohl die Regenzeit nicht so stark war, wie wir uns das immer vorgestellt haben liefen im Fernsehen nur irgendwelche Horrornachrichten von überschwemmten Straßen, Häusern und den Opfern der Regengüsse. Da wir hier allerdings auf einem Berg wohnen, waren wir nie so stark getroffen wie die im Tal lebenden Menschen. In Karatu war beispielsweise der gesamte Sportplatz der Sekundarschule überschwemmt und ähnelte eher einem großen See. Oft war es ziemlich kalt und ungemütlich in den ungedämmten Häusern, außerdem wurde die Wäsche nicht ordentlich trocken, was die eine oder andere Erkältung mit sich brachte, wovon auch die Kinder sehr stark betroffen waren. Allerdings grünte alles unglaublich schön, der Mais schoss meterweit aus dem Boden, die Gärten vor unserem Fenster grünten und die Traktoren kamen mit dem Unkraut entfernen zwischen den Kaffeebüschen gar nicht mehr hinterher

Am 15. Mai, genau wie von Ako vorhergesagt hörte die Regenzeit auf. Die Wege verfestigten sich wieder, die Sonne guckte wieder öfter hervor, verschollen geglaubte Kinder tauchten wieder auf und die Wäsche wurde endlich mal wieder trocken. Auch die Straßen konnten vom Auto wieder besser bewältigt werden. Jetzt im Juni soll allerdings die Kälte, also der tansanische Winter einsetzen. Was natürlich super lustig ist, dass momentan in Deutschland die Hitzewelle einsetzt, man Fotos vom Badesee und mit kurzen Sachen bekommt, während man hier unter seinen vier Decken mit Schal und Wollsocken vor sich hin bibbert. Aber andersrum war es ja im deutschen Winter auch nicht. Die Tansanier haben dann aber doch nochmal ein anderes Kälteempfinden als wir und sitzen schon bei 15 Grad mit Winterjacke mit Fellkragen im Wohnzimmer und sprechen nur noch davon wie kalt es doch ist. Wir sind sehr gespannt wie kalt es hier noch wird und wie wir die Kälte hier bewältigen werden, ob unsere dicken Sachen reichen oder ob wir in ein paar Wochen auch mit mehreren Schichten und Fellkapuze beim Essen sitzen werden.

Umgang mit Heimweh

02Juni2018

6636km von zu Hause entfernt und das auch an Weihnachten, Silvester, Ostern, dem Geburtstag und anderen Feierlichkeiten, wie gehe ich damit um?

Um ehrlich zu sein hatte ich im Vorhinein wirklich etwas Angst vor dem allseits beliebten Thema „Heimweh“, die allerdings wirklich unberechtigt war. Noch genau kann ich mich an die Abschiedssituation am Bahnhof mit Freunden und Familie erinnern, in der ich wahrscheinlich noch gar nicht realisiert habe, was eigentlich gerade passiert und wie lange ich die vertrauten Gesichter von nun an nicht mehr sehen werde. Auch am Flughafen als man dann auf die anderen Freiwilligen traf ging es den meisten so, die Aufregung und das Chaos verdrängten alle traurigen Gedanken und natürlich stand die Vorfreude auch im Vordergrund. – Denn wie lange und intensiv haben wir alle auf diesen Tag hingearbeitet? Als die erste Müdigkeitsphase in Äthiopien, unserem Umsteigeflughafen begann, fing man an zu realisieren wo man eigentlich gerade ist und was das bedeutet. Bei einigen Freiwilligen kullerten dann schon die ersten Tränchen, wahrscheinlich aber eher aus Müdigkeit als aus richtigem Heimweh. In Dar es Salaam angekommen ging alles so schnell, hektisch und alles war vollgepackt mit neuen Eindrücken, Gerüchen und Menschen. Auch im Agape Center hatte man gar nicht die Zeit sich auch nur einen einzigen Gedanken darüber zu machen, was auch teilweise daran lag, dass natürlich die alten deutschen Handykarten nicht mehr funktionierten und wir gar nicht die Möglichkeit hatten Kontakt zu zu Hause aufzunehmen. Als sich dies allerdings am dritten Tag veränderte, man Nachrichten von zu Hause empfing und versuchte zu antworten kam bei mir persönlich der erste Heimwehschub, wenn auch nur ein ganz kurzer und gar nicht weiter schlimm. So ging es dann nicht nur mir sondern auch vielen anderen Freiwilligen, sodass wir uns gegenseitig gut trösten und gegenseitig auffangen konnten. Für die nächsten Tage blieb das Handy dann erstmal aus bzw. sehr selten genutzt.

Angekommen in der Einsatzstelle ging es weiter mit vielen neuen Eindrücken, den Brüdern, den Menschen hier, den Kindern und generell dem neuen zu Hause auf Zeit. Auch hier hatte man gar keine Zeit sich großartig Gedanken zu machen, Kontakt mit zu Hause zu haben, dies alles gestützt von dem sehr schlechten bzw. nicht vorhandenem Handyempfang in der Einsatzstelle. Was beim Ankommen aber glaub ich auch wirklich gut geholfen hat war zum einen, dass Brigitte, Barbara und Stella noch einige Tage in der Einsatzstelle blieben und die Brüder und auch jeder sonst super herzlich und offen mit uns umgegangen ist und es unangenehme Anfangssituationen gar nicht gab. Als ich letztens einmal in meinem alten Tagebuch vom Anfang blätterte, weil es mich interessierte wie ich damals über die ganze Situation, die Brüder und die Menschen hier gedacht habe, hat es mich sehr gewundert, dass es eigentlich nicht groß anders war als jetzt. Dafür bin ich im Nachhinein super dankbar, da ich auch von vielen anderen Freiwilligen gehört habe, dass bei ihnen der Anfang wirklich schwierig war. Ich erinnere mich an ein Wochenende an dem wir eigentlich mit dem Chor bei einer Hochzeit auftreten sollten, uns allerdings keiner Bescheid gesagt hat. Also saßen wir ganz alleine auf den Stufen vor dem Kindergarten, alle anderen waren ja bei der Hochzeit und kamen mit der da noch sehr fremden Einsamkeit überhaupt nicht klar. Vor allem weil wir beide Menschen sind, die immer was zu tun brauchten, war es anfangs schwierig sich genug Beschäftigung zu suchen. Denn endlos Waschen, Putzen und Müll verbrennen geht ja auch nicht.

Generell würde ich von mir behaupten, dass ich nicht wirklich ein Heimwehmensch bin, allerdings wollte ich in den ersten zwei Monaten auch lieber auf zu viel Kontakt mit zu Hause, Sprachnachrichten und Anrufen verzichten. So verliefen die ersten drei Monate ohne auch nur eine größere Heimwehattacke, worüber ich auch sehr froh war. Wovor ich unglaublichen Respekt hatte war die Weihnachtszeit und vor allem Heiligabend. Man kennt die Abläufe von zu Hause, man bekommt Fotos von geschmückten Straßen, Familientreffen, Kekse backen und anderen schönen Dingen, man weiß ganz genau was zu welcher Zeit am Heiligabend passiert und dass man dieses Jahr nicht dabei ist. Was das Ganze noch verstärkte war, dass man Weihnachten in Tansania nicht wirklich feiert. Man geht in die Kirche, man isst ganz normal und man geht schlafen. Ein ganz normaler Tag also. Es war dennoch interessant dies mitzuerleben, allerdings sind Stella und ich uns da einig: Dieses Jahr Weihnachten wird alles mitgenommen was geht: Kekse backen, Weihnachtslieder hören, Weihnachtsmärkte, Schlittschuhlaufen und was es sonst noch so gibt, bis zum Umfallen. Denn das hat man tatsächlich etwas vermisst. Auch an Silvester war ich froh, dass wir zu Freunden nach Dodoma gefahren sind und mit ihnen „gefeiert“ haben. Denn sonst wäre Heimweh denke ich bei uns allen vorprogrammiert gewesen.

Genau das gleiche kann ich auch von meinem Geburtstag und Ostern behaupten. Dadurch dass wir auch diese beiden Tage mit anderen Freiwilligen verbracht haben und auch die Menschen hier sich die größte Mühe gegeben, um die Feste unvergesslich zu gestalten. Was manchmal immer noch ein bisschen schwierig für mich ist, sind Geburtstage, große Familienfeste oder schöne Unternehmungen bei denen man weiß, dass man normalerweise dabei gewesen wäre. Auch jetzt kommen noch einige Feste wie eine Hochzeit, der Abiball einer Freundin und ein runder Geburtstag, bei denen  ich wünschte, ich könnte mich mal eben schnell nach Deutschland beamen. Aber das geht ja natürlich nicht.

Generell kann ich sagen, dass die 10 Monate wirklich schneller vergangen sind, als ich es jemals gedacht hätte und auch die Tage an denen man einmal Heimweh hatte sich an einer Hand abzählen lassen. Trotzdem freue ich mich unglaublich auf zu Hause, meine Familie, Freunde und die gewohnte Umgebung. Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass man in Deutschland auch Heimweh nach Tansania, den Brüdern, den Kindern und den anderen Menschen hier haben wird. Also genieße ich die gemeinsame Zeit mit allen sehr und bin ein bisschen traurig, dass jetzt so kurz vor Schluss noch einmal eine so lange Ferienpause im Kindergarten ist, aber die wird natürlich auch gut genutzt. 

 

Umgang mit Armut und das Bild der „Weißen“

27Mai2018

Um im Vorhinein alle Missverständnisse zu klären: Dieser Blogeintrag soll in keinem Fall eine Belehrung oder ein Schlechtreden des Landes oder der Menschen hier werden, sondern möchte ich nur ein wenig von meinen Erfahrungen die ich bis jetzt gemacht habe erzählen. Des Öfteren bekomme ich nämlich die Frage: „Leonie, wie ist es eigentlich in einem armen Land zu leben? Wie gehst du damit um? Merkt man das überhaupt?“

Zu allererst: Was ist Armut überhaupt genau? Der Duden definiert den Begriff als Bedürftigkeit, Kümmerlichkeit und Kargkeit. Synonyme sind Geldmangel, Besitzlosigkeit, Not und Bedürftigkeit. Fakt ist, dass Tansania zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, rund 1/3 der Bevölkerung in nachgewiesener Armut lebt und 46% der Menschen mit weniger als 1,90$ am Tag auskommen müssen. Natürlich befindet sich das Land im Wandel und entwickelt sich immer weiter, doch auch die Spanne zwischen Arm und Reich wird dadurch größer. Die Tourismusbranche boomt, etliche Safariunternehmen lassen sich nieder, Lodges schießen aus dem Boden und Souvenirläden entstehen. Sehr beliebt sind die dadurch entstehenden Arbeitsplätze, nicht zuletzt deshalb, weil ausländische Unternehmer meist den ausländischen Lohn bezahlen und nicht den einheimischen. Dazu ein kleines Beispiel: Ein tansanischer Lehrer an einer staatlichen Schule verdient ca. 100.000 TSH (ca. 36€), ein tansanischer Lehrer mit der exakt gleichen Ausbildung, der an einer Privatschule arbeitet, die z.B. von einem Amerikaner gegründet wurde bekommt z.B. ca. 3000$. Das ist 83,3 Mal so viel und das macht schon einen großen Unterschied. Was ein Segen für die einen ist, ist ein Fluch für die anderen.

Generell möchte ich in diesem Blogeintrag ausschließlich von finanzieller Armut sprechen, denn als arm würde ich und würde auch sich selbst hier keiner bezeichnen. Denn auch wenn es die Definition anders sieht: Arm sein bedeutet für mich nicht nur kein Geld zu haben, arm sein bedeutet für mich ohne Familie, Freunde, Frieden und Freude zu leben. Ob ich das am Anfang auch schon so gesehen habe kann ich jetzt nicht mehr sagen, denn wenn man aus deutschem Umfeld hier in die Einsatzstelle kommt, die Lehmhütten sieht in denen eine Familie zu zehnt auf 10m² wohnt, denkt man schon erst einmal: „Okay, diese Menschen hier sind wirklich arm!“ Auch am ersten Tag im Kindergarten  als einige Kinder nicht einmal einen Bleistift hatten, der hier ca. 10 Cent kostet und löchrige Kleidung trugen, war ich erst einmal baff. Noch genau erinnere ich mich an das erste Mal Müll verbrennen, als die Kinder anfingen alles zu durchwühlen, Dinge herauszuklauben, die für uns überhaupt keinen Wert mehr hatten, Glitzersteine von Briefumschlägen kratzten oder den allerletzten Rest des Lippenpflegestifts als größtes Geschenk ansahen. Noch immer ist es so, dass Kinder im Kindergarten oft ohne Bleistift, ohne Heft, mit kaputter Kleidung und super dünn und hungrig in den Unterricht kommen. Auch wenn sich darum gestritten wird, wer die Verpackung der Sticker bekommt, weil diese die Hefte vor dem Regen schützt oder wer das Papier der Sticker bekommt, regt einen das wirklich zum Nachdenken an. Vor allem dann wenn man daran denkt, dass wir in unserem Zimmer ca. fünf Bleistifte und ebenso viele Kugelschreiber einfach so achtlos herumstehen haben. Oft haben die Kinder auch irgendetwas im Mund und kauen darauf herum, wenn man dann fragt was das ist und dass sie es bitte ausspucken sollen, kommt meist ein kleines Plastikteil, ein kleiner Glasstein oder einfach nur Müll zum Vorschein, der für die Kinder aber in dem Moment das Beste ist, was ihnen hätte passieren können. Eine Situation an die mich auch noch lange erinnern werde war, als ein kleiner Junge zu mir kam und meinte er hätte ganz großen Hunger. Auf die Frage hin wann er denn das letzte Mal etwas gegessen hätte, antwortete er mit leiser Stimme: „Vorgestern. Deswegen hole ich mir im Kindergarten auch immer die doppelte Portion Uji!“ Da musste ich wirklich schlucken. Für die Menschen hier ist nämlich unglaublich viel vom Wetter abhängig. Wenn es zu heiß ist, ist die Angst groß, dass das Gemüse vertrocknet, wenn es zu viel regnet, dass es zu viel Wasser erwischt. Wenn ein Kind oder ein Erwachsener krank wird und Medizin oder ärztliche Versorgung braucht, die auch bezahlt werden muss, muss dann eben an anderer Ecke eingespart werden. In dem Sinne müssen die Menschen hier wirklich auf ihr weniges Geld achten, es werden Haushaltspläne geschrieben, alles genausten dokumentiert und das A und O ist: So viel wie möglich selbst anzubauen. Die Menschen hier haben allerdings wirklich Glück, dass sie in der Nähe der Brüder leben, die zudem noch eine Kaffeeplantage betreiben, denn wenn hier einmal jemand zum Arzt muss, wird das Auto der Brüder zur Verfügung gestellt, sogar mit Fahrer. Wenn das Geld einmal knapp wird, kann die Hacke geschnappt werden, es wird ein bisschen auf dem Feld gearbeitet und die Entlohnung gibt’s sofort. In der Kaffeeerntezeit kann jeder beim Pflücken, Sortieren oder Waschen des Kaffees helfen und bekommt auch dementsprechend seine Schillingis. Gerade weil diese Einnahmequelle für die Menschen hier so essentiell ist, fühlen wir uns immer nicht so wohl damit, dabei zu helfen und ihnen die Arbeit wegzunehmen. Allerdings nicht nur deshalb, sondern auch weil das Bild der „Weißen“ hier und auch in Tansania generell, doch noch sehr vorurteilsbelastet ist.

„Weiße können nur am Computer arbeiten, nicht auf dem Feld. Weiße haben so viel Geld, dass sie gar nicht wissen wohin damit. Eure Haut ist doch wie ein weißes Blatt Papier und kann gar nicht richtig arbeiten, weil sie dann schmutzig wird. Wenn euer Handy kaputt geht, dann kann euer Papa ja direkt ein neues kaufen, nicht wahr?...“ Das waren jetzt nur ein paar wenige Beispiele von Vorwürfen, die wir uns hier schon anhören durften. Natürlich gibt es auch hier Leute die wissen wie es eigentlich ist, aber der Großteil der Menschen geht von genau diesem Bild der „Weißen“ aus. Umso dankbarer bin ich unter anderem deshalb, dass ich größtenteils mit kleinen Kindern arbeite, die dieses Bild noch nicht so fest in den Köpfen verankert haben. An der Stelle betone ich noch einmal das Wort „klein“, weil ab der Grundschule stimmt das schon nicht mehr. Man wird angebettelt,  beleidigt und mit Steinen beworfen. Nur weil irgendein Tourist mal ein Bonbon verteilt hat, muss jetzt jeder Mensch mit heller Hautfarbe mit Bonbons um sich schmeißen, so ist die Logik dieser Kinder. Natürlich darf das alles nicht verallgemeinert werden. An der Stelle möchte ich nun ein bisschen von meinen Erfahrungen mit dem Thema erzählen:

Angefangen im November als wir die ersten Prüfungen, die zugleich auch die Abschlussprüfungen für einige Kinder waren, schrieben und eine kleine Graduation organisierten, bis heute gibt es immer wieder Situationen, die einen einfach sauer und traurig machen. Für die Graduation bastelten wir Kronen aus Papier und Farbe, stellten uns in die Küche um stundenlang Kekse zu backen und stellten Seifenblasen zur Verfügung. Insgesamt hat uns diese Graduation allerhöchstens 5€ gekostet und das war es uns wert. Eine Woche zuvor erzählte uns nämlich unsere Mentorin, dass eine Art Graduation in Dar es Salaam Gang und Gebe wäre, wir wussten allerdings auch, dass hier niemand so etwas in der Art plante und wollten den Kindern einfach eine Freude machen. Zusätzlich zu den Seifenblasen hatten wir noch aus Deutschland mitgebrachte Luftballons, von denen jedes Kind einen bekam. Die Feier war wunderschön und ich habe damals auch einen Blogeintrag darüber geschrieben, allerdings waren wir geschockt, wie achtlos die Kinder mit den von uns zur Verfügung gestellten Dingen umgingen. Schon nach wenigen Minuten lagen die ersten Kronen auf dem Boden, die Kekse wurden nicht aufgegessen, die Seifenblasenflüssigkeit verschüttet und die Luftballons wurden mit Absicht zerplatzt. Und danach hieß es nicht: „Danke, für die tolle Feier!“, sondern: „Gib mir noch einen Ballon, ich will noch einen Keks und noch eine Krone!“ Und ab diesem Tag ging es richtig los: Jeden Tag wurden wir erneut nach Luftballons gefragt, die Kleinen wollten dann natürlich auch Kronen und bis heute stehen Kinder vor unserer Tür, teilweise ehemalige Schüler von uns und fragen nach Luftballons, Süßigkeiten und sogar nach Geld.

Doch nicht nur Schüler aus dem Kindergarten stehen vor der Tür und fragen nach irgendwelchen Dingen, sondern auch Jugendliche, die wir noch nie gesehen haben. Teilweise belagern sie unsere Tür, klettern am Gitter hoch und stehen sogar vor dem Fenster und gucken dreist in unser Zimmer, was einem manchmal wirklich Angst machen kann.

Als vor ca. einem Monat das Kind der befreundeten Ladenbesitzerin Geburtstag hatte und wir mindestens 100 mal darauf aufmerksam gemacht wurden, kauften wir in Karatu einen Bleistift und ein Stück Schokolade für das Geburtstagskind, weil wir auch von seiner Mutter eingeladen wurden. Da wir schon ahnten, dass die anderen Kinder neidisch sein werden, haben wir noch kleine Haferriegel für alle Dorfkinder gekauft und gleichzeitig gesagt: „Das ist jetzt für alle vergangenen und noch kommenden Geburtstage, es geht nicht, dass wir jedem Kind etwas zum Geburtstag kaufen!“ Ganz davon abgesehen, dass Baraka das einzige Kind ist das wir kennen, das seinen Geburtstag überhaupt kennt. Die Kinder und auch die Erwachsenen nahmen die Süßigkeit dankten an, bedankten sich bei uns mit einer Soda und Keksen und es wirkte so, als hätten sie die Botschaft verstanden. Leider falsch gedacht. Gleich zwei Tage später standen die Dorfkinder, zu denen wir ein wirklich gutes Verhältnis haben, vor der Tür und meinten, dass heute ein anderes Kind Geburtstag hätte und wo denn unser Geschenk sei. Wir waren wirklich geschockt und traurig, weil wir dachten sie hätten unsere Ansage verstanden. Also erklärten wir ihnen noch einmal, dass wir nur Schüler sind und auch auf unser Geld achten müssen und dass der Geburtstag von Baraka ein allgemeiner Geburtstag für alle Dorfkinder war. Wir dachten das Thema wäre damit gegessen! Allerdings lagen wir da meilenweit falsch: Nicht viel später am gleichen Tag belagerten fremde Jugendliche unsere Tür und das Fenster und riefen in gebrochenem Englisch: „Gib mir Schokolade! Gib mir Süßigkeiten! Gib mir einen Lolly!“. Wir saßen in unserem Zimmer und verstanden die Welt nicht mehr, wir wohnen hier jetzt 8 Monate, jeder kennt uns, jeder weiß, dass wir im Kindergarten arbeiten und sonst nur Schüler sind. Das eigentlich schockierende war aber, dass auch Baraka dem wir zu 100% vertraut haben unter den bettelnden Kindern war, ganz nach dem Motto: „Mir haben sie was geschenkt, probiert doch mal ob ihr auch was abstauben könnt!“. Das war ein echter Rückschlag vor allem nach so langer Zeit in der wir hier jetzt schon zusammen mit den Menschen leben.

Und nicht nur die Kinder fragen uns nach materiellen oder finanziellen Hilfen, sondern auch unsere Arbeitskolleginnen und sehen alles was wir für die Kinder und den Kindergarten tun als ziemlich selbstverständlich an. Sei es der von uns gekaufte Kleber der leer zurückgebracht wird, das Panzertape, das wir im Kindergarten ließen was am nächsten Tag nicht mehr da war, die Püppchen die nach der Umräumaktion an der Wand klebten, waren schon wenig später im Besitz des Kindes  der Lehrerin und so weiter… Und das alles ohne auch nur ein einziges Mal ein „Danke!“ zu hören. Das kann manchmal wirklich frustrierend sein. Natürlich machen wir das alles trotzdem unglaublich gern und wir selbst haben auch noch nicht wirklich viel Geld in den Kindergarten investiert, dafür aber umso mehr Liebe, Zeit und auch ganz viel Kraft, was für mich von viel mehr Wert ist.

Die letzten Beispiele die ich erwähnen möchte sind an Weihnachten und Ostern passiert, als wir kleine Geschenke für die Dorfkinder verschenkten. Und wenn ich kleine Geschenke meine, war das wirklich nicht mehr als ein Buntstift, ein Luftballon oder ein paar Glassteine. Nochmal zur Verdeutlichung: Wir haben ca. 15 Kinder in unserem unmittelbaren Umfeld, die für uns wie Geschwister geworden sind und die uns von Tag 1 an ganz normal behandelt haben. Natürlich wollten wir ihnen an den beiden besonderen Feiertagen eine kleine Freude bereiten und auch ein bisschen deutsche Kultur mit nach Tansania bringen. An Weihnachten packten wir dafür die Geschenke in einen Stoffbeutel und gingen zu den Kindern. Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten war, dass das „Buschtelefon“ so schnell funktioniert und aus allen Löchern und Ritzen die Kinder kamen und auch ihr Geschenk einforderten. Kinder die wir bis dato noch nie gesehen hatten. Und wenn das nicht genug wäre: Auch Eltern forderten Geschenke für ihre zu Hause gebliebenen Kinder, alles nur im „Forder“-Ton und ohne Bitte und Danke. Das hat die ganze Aktion für die Dorfkinder für die es ja eigentlich gedacht war natürlich total kaputt gemacht. Was dazukommt ist wie vorhin auch schon erwähnt die nicht vorhandene Wertschätzung für die Dinge. Als wir an Ostern kleine Stoffpakete zusammenpackten, freuten sich die Kinder vorerst sehr, doch schon einige Stunden später fanden wir die Lollyverpackung auf dem Boden, die Stoffe im Dreck und die Glassteine überall auf dem Boden verteilt. Lange hält diese Freude also nie an.

So, der Blogeintrag ist nun ziemlich lang geworden und auch sehr ehrlich, aber genau das finde ich bei diesem Thema super wichtig: Ehrlichkeit. Nicht alles hier ist immer „Friede, Freude, Eierkuchen“ und wunderschön. Natürlich überwiegt dieser schöne Teil, aber würde mir jemand erzählen: „Hier war alles perfekt!“, wäre das klar gesagt eine Lüge. „Wie gehst du damit um und merkt man überhaupt, dass man in einem armen Land lebt?“ – Ja, man merkt es und ja, es ist nicht immer einfach, aber die meiner Meinung nach beste Strategie um mit der Armut, die ich erlebt habe, umzugehen ist: Sich an den positiven Erlebnissen festzuklammern und versuchen sich in die Situation der Kinder und Menschen hier hineinzuversetzen, denn ich könnte nicht sagen, ob ich an deren Stelle super aufgeklärt und vorurteilsfrei „Weißen“ gegenüber wäre, vor allem dann nicht, wenn meine 4 Geschwister mir nachts in einem Einzelbett schon wieder die Decke weggezogen haben und ich weiß, dass „Wazungu-Kinder“ ein ganzes Zimmer für sich alleine haben.

Kindergarten Teil 2 und Kunstprojekte

20Mai2018

Ehe man sich versieht sind nächste Woche schon wieder Prüfungen im Kindergarten und danach nur noch 4 Wochen in denen wir überhaupt noch unterrichten, bevor es schon wieder nach Hause geht. Höchste Zeit also für einen neuen Blogeintrag über das Thema mit einem kleinen Update.

Wie auch schon zu Anfang unterrichten wir immer noch drei Kindergartengruppen: Baby 1-3. Trotzdem hat sich da einiges verändert: Baby 1 und 3 werden nun zusammen vormittags unterrichtet und Baby 2 mit den mittelgroßen Kindern nachmittags. Außerdem wechseln Stella und ich uns mit dem Unterrichten bei den Kleinen von Baby 1 und den großen von Baby 3 täglich ab, was nicht nur für uns, sondern auch für die Kinder viele Vorteile hat. Die Veränderung bedeutete für uns, dass der Tag nun 40 Minuten früher beginnt und wir uns mit dem Frühstücken ziemlich beeilen müssen, dass wir dafür aber auch eine 40 Minuten längere Mittagspause genießen können, was auch so seine Vorteile hat. Das Fach „Kusoma“ (Lesen) gibt es nicht mehr, dafür wird nun jeden Donnerstag in Kiswahili viel gelesen und dies dadurch auch geübt.

Aufgrund der Regenzeit war es für viele Kinder sehr schwer überhaupt zur Schule zu kommen, weshalb wir in der letzten Zeit oft nur kleinere Gruppen unterrichtet haben oder Spieltage einlegen mussten. Dass die Kinder nicht zur Schule kommen konnten liegt vor allem an den überschwemmten Wegen und des vielen Schlamms, der Flüsse die mit Wasser volllaufen und nicht mehr überquert werden können und der fehlenden Regenkleidung. Leider gibt es dadurch große Differenzen im Leistungsstand der Kinder, die auch nicht wieder so schnell und einfach behoben werden können.  Aber auch diese Spieltage konnten wir sinnvoll nutzen. Wir haben den Kindern neue Lieder beigebracht wie „I am a Musicman“, „Ententanz“ oder „Macarena“ und Bewegungsspiele aus deutschen Kindergärten und Grundschule wie „Karotten/Zähne ziehen“, „Pizza backen“ und „Fischer, Fischer welche Fahne weht heute?“. Auch Bücher lesen gehört zu den Beschäftigungen, die den Kindern viel Spaß bereitet haben. Dadurch, dass nur wenige Kinderbücher auf Kiswahili übersetzt sind oder in der Sprache geschrieben wurden, haben wir auch nur 5 Bücher im Chekechea und die anderen sind auf Englisch, welche man dann so gut es ging übersetzen kann, damit die Kinder ein bisschen Abwechslung haben. Außerdem haben wir auch viel  mit den Kindern gemalt, wie zum Beispiel große Mandalas, die dann die Wände des Kindergartens verschönern konnten.  

So komme ich direkt einmal zum nächsten Punkt: Der Kunstunterricht. Wie ich des Öfteren schon erwähnt habe macht mir der Kunstunterricht hier mit am meisten Spaß, da ich es so faszinierend finde wie viel man aus so wenig machen kann und wie kreativ man dadurch werden kann. Angefangen mit nur Papier und Stiften haben wir schon am Anfang viel machen können. Wir haben die Kinder ihre Familien malen lassen, ihr Haus und Sachen die sie gern mögen. Wir haben aus runden Papierkreisen Schlangen ausgeschnitten, Hexentreppenmännchen gemacht und Ostereier als Fensterdekoration. Wir haben Schildkröten, Schmetterlinge und Fische ausmalen oder selbst malen lassen. Aus großen Papierplakaten ließen sich super einfach große Mandalas gestalten und Osterhühnchen zu Ostern. Aus Kronkorken wurden große Schnecken gebastelt, aus Strohhalmen zusammen mit Wolle tolle Ketten und Armbänder. Aus Stoffresten und Knöpfen wurden Kleider- und Tierbilder und aus Klorollen zusammen mit Kronkorken tolle Rasseln für den Musikunterricht. Ostereierfarbe von den Vorgängern haben wir in Wasser aufgelöst und die Kinder große Pustebilder machen lassen, die wir jetzt als Geschenkpapier nutzen können. Auch Weiterhin freuen wir uns schon sehr darauf neue Projekte zu planen und umzusetzen, denn das ist wirklich einfacher als man jemals gedacht hat. Und auch den Kindern mach es sehr viel Spaß, sodass jetzt fast jeden Tag die Frage kommt, ob denn heute Kunst dran ist. Verglichen zum Anfang hat sich die Kreativität der Kinder schon so ins Positive entwickelt, denn zu Anfang haben sich die meisten Kinder nicht einmal getraut mit mehr als einem Stift zu malen.

Ein weiterer wirklich großer Fortschritt der mich besonders stolz und glücklich macht ist, dass ich eine Methode gefunden habe, den Lehrerinnen zu beweisen, dass es auch ohne schlagen geht und ich trotzdem den nötigen Respekt von den Kindern bekomme. Da die Kinder kleine Aufkleber in ihren Heften lieben und nie darauf verzichten wollen würden, haben wir jeden Freitag den „Stickertag“ eingeführt. Den haben wir jetzt wieder abgeschafft und etwas abgewandelt. Seit zwei Wochen male ich jetzt immer zwei Gesichter an die Tafel: Ein lachendes und ein weinendes. Kinder die sehr gut mitarbeiten, nicht stören und ohne Fehler ihre Aufgaben bearbeiten, können ab nun jeden Tag einen Sticker bekommen, Kinder die allerdings stören, nicht aufpassen und mitmachen werden beim traurigen Smiley aufgeschrieben und bleiben da auch eine Woche stehen, können also eine Woche keinen Sticker bekommen. Bei den Kleinen die noch nicht in Hefte sondern auf Tafeln schreiben haben wir ein großes Plakat mit allen Namen an die Wand gehängt und verteilen jeden Tag drei Blumen und wenn ein Kind drei Blumen hat, bekommt es einen Sticker, mit dem es machen kann was es will. Die Methode funktioniert so gut, dass sich die Kinder sogar gegenseitig ermahnen und sogar die Lehrerinnen die Methode übernehmen. Und schon in den zwei Wochen konnten wir beobachten, dass das Schlagen wirklich zurückgegangen ist, was uns sehr glücklich macht. Und wenn man jetzt nur den Satz erwähnt „Ich schreibe gleich deinen Namen auf und der Smiley weint für eine Woche. Eins, Zwei, Drei…“, sind die wenigsten Kinder noch so frech und stören weiter.

So das waren glaube ich erst einmal alle Neuigkeiten die es in Bezug auf den Kindergarten gibt. Nächste Woche sind wieder Prüfungen in Mathe, Kiswahili und Kunst für Baby 2 und 3, die wir wieder entwerfen durften. Achja: Dieses Jahr durften wir den Baby 3 Kindern auch ganz alleine das Plus rechnen beibringen, was zuerst eine ganz schöne Herausforderung darstellte, aber auch wirklich Spaß gemacht hat es den Kindern an der typischen Marktszene beizubringen oder sie Dinge zählen zu lassen. Nach den Prüfungen sind 4 Wochen große „Winterferien“ und dann geht es Anfang Juli weiter mit dem Unterrichten. Die Zeit rennt.

Lesestunde bei schlechtem Wetter Schlangen aus Papier Tierbilder aus Knöpfen Karottenziehen Strohhalmketten Riesenmandalas Schnecken aus Kronkorken Kleiderbilder aus Stoffresten

Arusha? Karatu? Ngorongoro Conservation Area?

12Mai2018

 

Als wir die Zusage für unseren Freiwilligendienst bekamen, wurde Stella und mir mitgeteilt und dies konnte man auch der Adresse der Einsatzstelle entnehmen, dass wir die nächsten 10 Monate in der Nähe von Arusha leben werden. Arusha ist eine Großstadt im Nordosten Tansanias und gleichzeitig auch Hauptstadt der Region Arusha. Die Stadt hat 416.000 Einwohner und befindet sich in der Nähe des Arusha-Nationalparks und des Mount Meru. Durch den touristischen Einfluss ist Arusha sehr westlich geprägt, es gibt viele internationale Restaurants, Safari-Unternehmen, internationale Schulen und touristische Attraktionen wie den Massaimarkt. Vor einer längeren Reise kommen wir nicht daran vorbei eine Nacht in Arusha zu verbringen, da dort auch ein großer Busbahnhof ist von dem aus Busse aller Unternehmen ihre Reise in alle Himmelsrichtungen beginnen.

Die Wahrheit ist jedoch, dass die nächst größere Stadt in der Nähe unserer Einsatzstelle die Stadt Karatu ist. Karatu ist ca. 2 ½ Stunden von Arusha entfernt und kann mit einem Kleinbus auch „Noah“ genannt für umgerechnet 3€ erreicht werden. Auf der Fahrt kommt man an den unendlich weiten Massaiebenen vorbei, sieht etliche Massaidörfer und kann sogar einen Blick in den Lake Manyara Nationalpark erhaschen. Karatu kann eher als Kleinstadt bezeichnet werden und hat schätzungsweise 22.000 Einwohner. Sie ist der Endpunkt der asphaltierten Straße und der Eingang einiger Nationalparks, die sich im Norden des Landes befinden. Auch hier ist der touristische Einfluss deutlich erkennbar. Überall sieht man riesige Lodges, in denen eine Nacht bis zu 500$ kostet oder zumindest die Schilder die auf die nächsten Hotels hinweisen. Am Straßenrand sind etliche Souvenirstände die ihre Waren für überteuerte Preise an den Mann bringen wollen. Auf der asphaltierten Straße sieht man zu jeder Jahreszeit viele Safarijeeps die auf dem Weg zu den Nationalparks sind, meistens nur mit Touristen gefüllt. Auch in Karatu gibt es einige wenige Restaurants mit internationalem Essen, die meist auch nur von Touristen besucht werden, da die Preise für Einheimische utopisch hoch sind. Für uns ist Karatu unverzichtbar wenn wir einmal zur Post müssen, Geld abheben, zum Schneider oder Alltagsgegenstände einkaufen müssen. Die Schneider hier sind allerdings sehr sehr teuer und laut der Brüder auch nicht ansatzweise so gut, wie in anderen weniger touristischen Städten. Es gibt einen Obstmarkt, viele Stoffgeschäfte, Schreibwarenläden, Schuhläden und viele kleine Stände die alles Mögliche verkaufen. Als wir die ersten Male in Karatu waren, waren wir oft überfordert und dachten: „Hier bekommen wir niemals das was wir brauchen!“ Fakt ist, dass die Geschäfte hier natürlich nicht im geringsten mit deutschen Kleidungsläden, Drogerien oder Supermärkten zu vergleichen sind. Es kann gut vorkommen, dass man sich nur in einem Bretterverschlag befindet. Was wir allerdings in den letzten Monaten gelernt haben ist, dass man sehr wohl so gut wie alles bekommt. Es funktioniert eigentlich immer, dass man in den nächsten Laden geht und nach der Sache fragt, die man benötigt. Dann sucht der Ladenbesitzer einige Zeit in großen Stapeln nach dem gewünschten Gegenstand und wenn er diesen nicht findet, empfiehlt  er einem meist ein nahgelegenes Geschäft. Im Endeffekt findet man den Großteil von dem was man benötigt, allerdings gibt es immer noch ein paar Dinge, die wirklich schwierig zu finden sind, das sind zum Beispiel Süßigkeiten, Shampoo und einige Medikamente. Am Anfang wurden wir oft mit den Preisen über den Tisch gezogen und bezahlten teilweise das 10-fache von dem normalen Preis. Da unser Kiswahili jetzt aber so gut ist, dass man die Tricks von den Verkäufern sofort durchschaut, kann man schnell ein Gespräch anfangen und bezahlt dann meist auch den Normalpreis.

Mittlerweile fahren wir alle 2-4 Wochen einmal nach Karatu, da wir immer auf die Brüder angewiesen sind. Das ist eigentlich auch vollkommen in Ordnung, aber meist ist es ziemlich unangenehm die meist sehr beschäftigten Brüder zu fragen, ob man denn vielleicht einmal wieder nach Karatu fahren könnte.

Denn in Wirklichkeit ist unsere Einsatzstelle weder in Arusha, noch in Karatu, noch irgendwo in der Nähe eines Dorfes, sondern mitten zwischen Kaffeebüschen in der Ngorongoro-Conservation-Area. Das heißt im Endeffekt, dass es selbst von Karatu noch einmal 40 Minuten mit dem Auto sind. Der Ngorongorokrater ist ein Einbruchkrater eines Vulkanes am Rande der Serengeti. Die Seitenwände sind ca. 400-600m hoch und die Kraterkante liegt auf ca. 2300m. Der Durchmesser beträgt 17-21 km, sodass er eine Fläche von 26.400 Hektar hat. Der Ngorongorokrater ist vor allem dafür bekannt, dass er die höchste Raubtierdichte Afrikas beinhaltet. Hier lebende Tiere sind Zebras, Büffel, Gnus, Elenantilopen, Gazellen, Löwen, Fleckenhyänen und Leoparden. Außerdem viele Elefanten, Flusspferde und sogar einige wenige Spitzmaulnashörner. So kommt es nicht selten vor, dass wir ab und an einen Elefanten sehen, Büffel und deren Hinterlassenschaften riechen und Hyänen und Löwen hören.

Aus deutscher Sicht mag sich das alles nach sehr viel Natur und sehr viel Abgelegenheit anhören. Das ist es wahrscheinlich auch, aber wir haben uns mittlerweile so an unsere Einsatzstelle, das Umfeld und die weite Entfernung zur nächsten Stadt gewöhnt, dass uns all das überhaupt nichts mehr ausmacht. Manchmal ist es für uns sogar eher stressig nach Karatu oder Arusha zu kommen und dort Einkäufe zu erledigen, weil wir das gar nicht mehr gewöhnt sind. Natürlich freut man sich schon wieder darauf unabhängig mit Bus, Bahn, Fahrrad oder Auto in die nächstgelegene Innenstadt zu fahren und dort in richtige Geschäfte mit Preisschildern zu gehen, allerdings lieben wir unsere Einsatzstelle, deren Standort und die Brüder mit allen Pros und Kontras genauso wie sie sind und genießen die nun nur noch letzten 2 ½ Monate in vollen Zügen.

Mount Meru Kulturzentrum in Arusha Italiener in Arusha Italiener in Arusha Museum in Arusha Museum in Arusha Hühner auf der Busfahrt Karatu Restaurant in Karatu Schweine auf dem Weg nach Hause

Auf dieser Seite werden lediglich die 10 neuesten Blogeinträge angezeigt. Ältere Einträge können über das Archiv auf der rechten Seite dieses Blogs aufgerufen werden.